Haltung im System – Verantwortung im schulischen Kontext
“What you do makes a difference, and you have to decide what kind of difference you want to make.”
— Jane Goodall
Der Einsatz eines Hundes im schulischen Umfeld findet stets in einem komplexen System statt.
Schule ist geprägt durch Strukturen, Abläufe, Erwartungen und individuelle Bedürfnisse.
Wo ein Hund Teil dieses Systems wird, entstehen Wechselwirkungen und Spannungsfelder zwischen pädagogischen, organisatorischen, persönlichen und tierschutzrechtlichen Anforderungen.
Viele Teams erleben, dass sie ihr Projekt erklären, abstimmen und legitimieren müssen. Nicht alle Kolleginnen, Kollegen oder Schulleitungen reagieren mit gleicher Offenheit. In solchen Situationen entsteht häufig der Druck, Kompromisse einzugehen, um das Projekt überhaupt realisieren zu können.
Hundegestützte Pädagogik ist jedoch kein „Nebenbei-Projekt“ oder dient gar der Betreuung des Hundes.
Sie ist ein pädagogisch begründetes und tierschutzrechtlich verantwortungsvolles Handlungsfeld, das verbindliche Rahmenbedingungen erfordert. Das Wohl des Hundes ist dabei kein nachgeordneter Aspekt, sondern zwingend Teil der pädagogischen Qualität.
Ethik zeigt sich also nicht in Konzeptpapieren, sondern in täglichen Entscheidungen – in Planung, Beobachtung, Kommunikation und der Bereitschaft, Grenzen zu setzen.
Ethisch verantwortungsvolles Handeln
Ethisch verantwortungsvolles Handeln bedeutet, Entscheidungen systematisch zu begründen, ihre Folgen einzuschätzen und sie regelmäßig zu überprüfen. Im Schulkontext schließt dies die Berücksichtigung des Tierwohls als vorrangiges Kriterium zu pädagogischer Wirksamkeit ein.
Ein professioneller, tierschutzgerechter Einsatz basiert auf folgenden Prinzipien:
- Das Wohl des Hundes wird vorrangig gegenüber den pädagogischen Zielen des Einsatzes betrachtet.
- Belastungsgrenzen, Bedürfnisse und emotionale Zustände des Hundes fließen in Planung und Umsetzung ein.
- Freiwilligkeit und Wahlmöglichkeiten (Annäherung, Distanz, Rückzug) sind gewährleistet.
- Rahmenbedingungen sichern Ruhe, Rückzug und verlässliche Abläufe.
- Entscheidungen werden dokumentiert, reflektiert und bei Bedarf angepasst.
- Der Hund wird nicht als Methode oder Instrument verstanden, sondern als eigenständiges Lebewesen mit Bedürfnissen und Grenzen.
Haltung im System – keine Bittstellersituation
In vielen Schulen müssen Schulhund-Teams ihr Vorgehen fortlaufend begründen. Das führt nicht selten zu Rollenkonflikten. Ethisches Handeln heißt in diesem Zusammenhang, die eigenen fachlichen Standards konsequent einzuhalten, auch wenn institutionelle oder soziale Dynamiken Anpassung nahelegen oder Druck ausüben.
Ein Schulhund-Einsatz ist nur dann vertretbar, wenn die strukturellen Voraussetzungen stimmen.
Fehlen geeignete Räume, Rückzugsmöglichkeiten oder andere zwingend notwendige Rahmenbedingungen, kann das Vorhaben (zunächst) nicht realisiert werden – auch wenn es der größte Herzenswunsch ist.
Tierwohl ist keine Verhandlungssache!
Ein verantwortungsvoller Umgang schließt auch ein, den Einsatz so lange zurückzustellen, bis alle Bedingungen erfüllt sind.
Diese Klarheit dient der professionellen Qualitätssicherung und schützt Tier, Team und Institution gleichermaßen vor Überforderung und Fehlentwicklung.
Ethisches Handeln im System Schule
Die Qualität des Schulhund-Einsatzes hängt von verschiedenen Akteursgruppen und deren Erwartungen ab. Ein systemischer Blick verdeutlicht, welche Faktoren Einfluss nehmen und wie sie in Einklang zu bringen sind.
Kollegium
Im Kollegium bestehen häufig unterschiedliche Vorstellungen über Ziel, Umfang und Wirkung des Schulhund-Einsatzes. Offene Kommunikation über Zuständigkeiten, Einsatzzeiten und Regeln ist die Voraussetzung, um Missverständnisse zu vermeiden und Vertrauen zu schaffen.
Schülerinnen und Schüler
Kinder begegnen dem Hund mit unterschiedlichen Vorerfahrungen. Manche zeigen starke Zuwendung, andere Unsicherheit oder Angst. Verbindliche Strukturen und pädagogisch angeleitete Begegnungen ermöglichen Sicherheit für alle Beteiligten und verhindern auch eine Überforderung des Hundes.
Eltern
Eltern erwarten Information und Transparenz in Bezug auf Sicherheit, Hygiene, Haftung und Zielsetzung.
Einheitliche Informationswege und die Darstellung der pädagogischen und tierschutzrechtlichen Grundlagen fördern Vertrauen und Akzeptanz.
Institution Schule
Schulleitungen und Träger müssen die Rahmenbedingungen wie Raumorganisation, Zeitressourcen und rechtliche Absicherung schaffen. Ein Schulkonzept, das den Einsatz verbindlich beschreibt, ist eine zentrale Grundlage für Planung und Qualitätssicherung.
Bezugsperson als Einsetzende
Die Bezugsperson als Eisnetzende trägt die Gesamtverantwortung für Organisation, Durchführung und Nachbereitung. Sie ist das Bindeglied zwischen pädagogischem Auftrag, Tierwohl und institutionellen Strukturen. Die Reflexion der eigenen Belastung, fachliche Fortbildung und Dokumentation gehören ebenfalls zu den zentralen Aufgaben.
Selbstverständnis und Rolle der Einsetzenden
Die Bezugsperson eines Schulhundes ist sowohl pädagogisch als auch tierschutzrechtlich verantwortlich.
Sie leitet das Projekt, gestaltet Rahmenbedingungen und trifft Entscheidungen über Einsatzdauer, Intensität und Inhalte.
Diese Funktion erfordert Fachwissen in Pädagogik, Ethologie, Lerntheorie und Tierschutzrecht sowie die Fähigkeit, diese Aspekte im schulischen Alltag zu verbinden. Eine klare Rollendefinition unterstützt dabei, Erwartungen abzugrenzen und Zuständigkeiten zu klären.
Zielkonflikte und Entscheidungsprozesse
Im Schulalltag entstehen regelmäßig Spannungen zwischen pädagogischen Zielen und dem Wohlbefinden des Hundes.
Dazu zählen:
- Unterrichtsstrukturen und die Notwendigkeit tierschutzgerechter Pausen
- organisatorische Abläufe und flexible Anpassung an das Tier
- kollegiale Erwartungen und individuelle Beobachtungen
- Elterninteressen und Bindung an Untterrichtsinhalte
Zielkonflikte lassen sich nicht vollständig vermeiden. Sie erfordern daher eine transparente Kommunikation, klare Entscheidungswege und eine kontinuierliche Reflexion der Belastungsgrenzen des Hundes.
Kriterien für einen begründeten Einsatz
Ein verantwortungsvoll geplanter und umgesetzter Schulhund-Einsatz zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:
- Pädagogische Zieldefinition: Der Einsatz dient einem klar formulierten, überprüfbaren pädagogischem Ziel.
- Freiwillige Beteiligung: Der Hund verfügt über erkennbare Wahlmöglichkeiten und kann sich ggf. eigenständig zurückziehen.
- Beachtung der Belastbarkeit: Dauer und Intensität orientieren sich am aktuellen Befinden des Hundes.
- Wahrung von Integrität und Würde: Keine Vermenschlichung, keine Inszenierung, keine Instrumentalisierung.
- Training und Kommunikation: Arbeiten auf Basis positiver Verstärkung und sicherer Beziehung.
- Transparente Regeln: Alle Beteiligten kennen die Abläufe und Verhaltensregeln.
- Reflexion und Dokumentation: Beobachtung, Anpassung und Evaluation sind feste Bestandteile der Arbeit.
Veränderung und Anpassung
Veränderungen in Gesundheit, Verhalten oder Motivation des Hundes erfordern immer eine Anpassung des Einsatzes. Zeigen sich Anzeichen von Überforderung oder Stress, ist eine Pause oder durchaus auch in momentaner Ausstieg notwendig. Diese Entscheidungen beruhen auf tierärztlicher Einschätzung, objektiven Verhaltensbeobachtungen und fachlicher Reflexion. Eine sachlich dokumentierte Begründung sichert die Nachvollziehbarkeit des Einsatzes und unterstützt die Qualitätsentwicklung.
Die Qualität hundegestützter Pädagogik entsteht im kontinuierlichen Prozess von Beobachtung, Reflexion und Anpassung. Regelmäßige Supervision, fachlicher Austausch und die Nutzung von z.B. Beobachtungsbögen tragen dazu bei, Belastungen frühzeitig zu erkennen. Ein tierschutzgerechter Einsatz setzt voraus, Veränderungen im Verhalten des Hundes ernst zu nehmen und darauf zu reagieren, bevor eine Überlastung entsteht.
Fazit
Ein ethisch verantwortungsvoller und tierschutzgerechter Schulhund-Einsatz bedeutet, das Wohl des Hundes als festen Bestandteil pädagogischer Qualität zu verstehen. Er basiert auf klaren Strukturen, verbindlichen Standards und kontinuierlicher Reflexion.
Die Verantwortung für den Hund umfasst alle Phasen des Einsatzes – von der Planung über die Durchführung bis zur Reflexion und Anpassung im schulischen Alltag.
Hundegestützte Pädagogik kann nur dort nachhaltig wirken, wo pädagogische Ziele und Tierwohl im Gleichgewicht stehen.
Weiterführende Informationen
Eine aktuelle Übersicht über Fachliteratur, Richtlinien und Qualitätsstandards
zum tierschutzgerechten Einsatz von Hunden in Schulen findet sich unter:
www.lernwelt-hund.de/literatur